Indrek Jürjo

*14.4.1956 Tallinn,8.9.2009 Muhu/Moon

 

Nachruf auf dem 63. Baltischen Historikertreffen am 29. Mai 2010 in Göttingen

 

Am 8. September 2009 ist unser langjähriges Korrespondierendes Mitglied Dr. phil. Indrek Jürjo im Sommerhaus seiner Familie auf der Insel Moon (Muhu) in Estland gestorben. Noch im letzten Jahr hat er an der Mitgliederversammlung unserer Kommission teilgenommen, bereits deutlich gezeichnet von der vor drei Jahren ausgebrochenen Krankheit, der er schließlich zum Opfer gefallen ist.

Mit ihm hat die estnische Geschichtswissenschaft einen ihrer herausragenden Vertreter verloren. Das spiegelte sich auch in der großen Anteilnahme wieder, die sein Tod in den Medien Estlands fand. Auch in Deutschland trauern langjährige Freunde um ihn, die ihm persönlich und wissenschaftlich verbunden waren und viel zu verdanken haben. Obwohl er bereits mit 53 Jahren gehen mußte, hinterläßt er ein umfangreiches Werk mit dem Schwergewicht auf baltischer Geistes- und Kulturgeschichte des 18. und frühen 19. Jahrhunderts, von dem künftige Historiker zehren können und das noch lange an ihn erinnern wird.

Geboren und aufgewachsen in Estlands Hauptstadt Tallinn/Reval, studierte er Geschichte an der Universität Tartu/Dorpat, absolvierte den sowjetischen Militärdienst als Bausoldat und fand eine Anstellung am Historischen Institut der Akademie der Wissenschaften, bis er nach Estlands wiedererlangter Souveränität in die Dienste der estnischen Archivverwaltung trat, wo er zuletzt die Publikationsabteilung des Staatsarchivs leitete.

Die meisten von uns sind dem Verstorbenen zum ersten Mal während der nun schon legendären Tagung zum Thema „Aufklärung in den baltischen Provinzen Russlands“ begegnet. Im September 1989 hat sie in Reval erstmals seit Kriegsende deutsche und estnische Historiker zu einer offiziell tolerierten wissenschaftlichen Tagung im sowjetischen Machtbereich zusammengeführt, gemeinsam veranstaltet von der Baltischen Historischen Kommission und dem Geschichtsinstitut der Akademie der Wissenschaften der Estnischen SSR. Die Tagung fand zu einem Zeitpunkt statt, als die Unabhängigkeitsbestrebungen der baltischen Nationen mit der von Estland bis Litauen reichenden Menschenkette aus Anlaß der 50. Wiederkehr des Tages, an dem Ribbentrop und Molotov in Moskau den deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt unterzeichnet hatten, dessen Geheimes Zusatzprotokoll mit der Abgrenzung der beiderseitigen Interessensphären ihr Schicksal besiegeln sollte, gerade einen neuen Höhepunkt erreicht hatten. Niemand konnte damals wissen, wie dieser Machtkampf ausgehen würde, und die Spannung war allenthalben zu spüren. Unter der Leitung von Indrek Jürjo, der zusammen mit Sirje Kivimäe und dem Vorsitzenden der Baltischen Historischen Kommission Gert von Pistohlkors die Tagung organisiert hatte, konnten wir auch einen Tagesausflug nach Dorpat zum Besuch des Estnischen Geschichtsarchiv machen. Die mutige Entschlossenheit unserer estnischen Partner, allen Widrigkeiten zu trotzen, zeigte sich auch in der uns alle beeindruckenden großen Ausstellung, die sie zur Erinnerung an die 1939/40 als Konsequenz des Hitler-Stalin-Pakts erfolgte Umsiedlung der Deutschbalten aus Estland in den Räumen von Schloß Marienberg (Maarjamäe) organisiert hatten und mit der an den in sowjetischer Zeit aus dem öffentlichen Bewußtsein verdrängten „deutschen Faktor“ in der Geschichte Estlands erinnert werden sollte. Die Initiative hierzu war von der 1988 entstandenen und bis heute bestehenden „Gesellschaft für deutschbaltische Kultur in Estland“ ausgegangen, zu deren Gründungsmitgliedern Indrek Jürjo gehörte und die zu den für jene Zeit des Umbruchs typischen Erscheinungen zählte, als sich unter dem Deckmantel denkmalpflegerischer Zielsetzung Keimzellen künftiger nationaler staatsbürgerlicher und schließlich politischer Vereinigungen bildeten. All das machte diese Tage im September 1989 zu einem unvergesslichen und auch insofern einmaligen Ereignis, als es eine zweite Tagung dieser Art nie gegeben hat. Die damals gehaltenen Referate wurden später in einem von Otto-Heinrich Elias redigierten Sammelband als Nr. 15 der von der Baltischen Historischen Kommission herausgegebenen „Quellen und Studien zur baltischen Geschichte“ veröffentlicht.

Der Beitrag von Indrek Jürjo zu der Aufklärungstagung machte uns erstmals mit seinem langjährigen Forschungsprojekt bekannt, das schließlich in seinem opus magnum „Aufklärung im Baltikum. Leben und Werk des livländischen Gelehrten August Wilhelm Hupel (1737-1819)“ kulminierte. Er hat es in deutscher Sprache verfaßt, auch wenn die von ihm erstellte estnische Fassung noch vor dem Original in Tallinn erschien, und wurde mit ihm in Hamburg bei Norbert Angermann zum Dr. phil. promoviert. Als Band 19 unserer „Quellen und Studien zur baltischen Geschichte“ ist es 2006 erschienen. Das sich durch eine souveräne Kenntnis der Aufklärung nicht nur in Liv- und Estland sondern im gesamten deutschsprachigen Raum auszeichnende, in Estland als bestes geschichtswissenschaftliches Werk des Jahres 2005 preisgekrönte Buch, hat Maßstäbe gesetzt und wird ein Standardwerk bleiben.

In einer Reihe von in Deutschland publizierten Aufsätzen hat Indrek Jürjo auf sein großes Werk über Hupel hingeführt. Dabei verarbeitete er aus den Schätzen der Archive in Reval, Dorpat, Riga und St. Petersburg gehobenes Material ebenso wie die bei mehreren Forschungsaufenthalten vor allem in Wolfenbüttel gewonnenen neuen Erkenntnisse zu grundlegenden Spezialstudien über verschiedene zusätzliche Aspekte und Personen der Aufklärung in Liv- und Estland, die unser Bild von dieser Zeit bereichern. Erinnert sei an den 1990/91 in zwei Folgen in der „Zeitschrift für Ostforschung“ erschienenen Aufsatz „Lesegesellschaften in den baltischen Provinzen im Zeitalter der Aufklärung“, mit dem er die wissenschaftliche Welt außerhalb Estlands auf sich aufmerksam machen konnte. Es folgten „Die Klubs in Reval im Zeitalter der Aufklärung“, „Der Buchhandel in Reval im 18. Jahrhundert“, „Die Rezeption der Französischen Revolution in den Ostseeprovinzen“, eine neue Würdigung des im allgemeinen nur als Kartographen bekannten „Ludwig August Graf Mellin als Bauernfreund und Estophiler“ und vieles mehr. Zwei demnächst erscheinende Aufsätze konnte er noch vor seinem Tod fertigstellen: Der eine handelt von den „Bildungsreformen und –diskussionen in Reval im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts“, und der andere befaßt sich mit „Johann Wilhelm Ludwig von Luce. Aufklärer auf der Insel Oesel“.

Schon diese Aufzählung zeigt wie kaum das Verzeichnis der Schriften eines anderen zeitgenössischen Historikers aus Estland, wie stark Indrek Jürjo mit dem wissenschaftlichen Leben im deutschsprachigen Raum verbunden war – und namentlich mit seinen Vertretern deutschbaltischer Herkunft und den Mitgliedern der Baltischen Historischen Kommission, die ihn 1994 zu ihrem Korrespondierenden Mitglied gewählt hatte. Eine wichtige Voraussetzung hierfür waren seine hervorragenden Deutschkenntnisse in Wort und Schrift. Diese eröffneten ihm eben nicht nur die Möglichkeit der wissenschaftlichen Kommunikation über die Grenzen Estlands hinaus, sondern befähigten ihn wie heute nur noch wenige in Estland zum Studium der Originalquellen seiner Geschichte aus der Zeit vor 1918, die ganz überwiegend in deutscher Sprache verfaßt sind. Das schärfte seinen Blick für die tatsächlichen Verhältnisse in der Vergangenheit seiner estnischen Heimat, die ohne Vorurteile zu betrachten er mit großer Objektivität in seinen Arbeiten unter Beweis gestellt hat. Dabei kam ihm sicher eine angeborene Skepsis gegenüber den Erscheinungen dieser Welt im allgemeinen und jeglicher Ideologie im besonderen zustatten. Daher auch sein Unverständnis für gelegentliche Versuche jüngerer deutscher Historiker, die baltische Geschichte mit den Kriterien der Gegenwart zu bewerten anstatt sie ungeachtet modischer Zeiterscheinungen zu beschreiben.

Schließlich ist noch ein Aspekt von Jürjos wissenschaftlicher Arbeit zu erwähnen, der in der ersten Hälfte der 1990er Jahre die Beschäftigung mit seinem Lebensthema „Hupel“ zeitbedingt etwas in den Hintergrund treten ließ: Die Berufung in die Kommission zur Übernahme der nach wiedererlangter Unabhängigkeit noch vorhandenen KGB-Akten konfrontierte ihn mit der estnischen Zeitgeschichte. Er widmete diesem Thema eine Reihe von Aktenpublikationen und eine viel beachtete Monographie über „Exil und Sowjetestland“. Enn Tarvel bescheinigte Indrek Jürjo in einem langen Nachruf, der in einer seinem Andenken gewidmeten Sonderbeilage der Zeitschrift „Sirp“ erschienen ist, ausdrücklich einen fairen Umgang mit dieser auch angesichts noch lebender Betroffener so sensiblen Materie.

Wir haben einen Freund und einen ungewöhnlichen Gelehrten auf der Höhe seiner geistigen Schaffenskraft verloren – und das schmerzt. Wollen wir uns damit trösten, daß er ein wissenschaftliches Werk hinterläßt, das bleiben wird, und wir uns daher seiner als eines Frühvollendeten erinnern dürfen.

 

Henning von Wistinghausen, Berlin