Rein Helme

*21.2.1954 Pernau,31.12.2003 Tallinn 

 

Nachruf am 5. Juni 2004 auf dem 57. Baltischen Historikertreffen in Göttingen

 

Die Nachricht vom Tode unseres Kollegen und Freundes Rein Helme hat viele Mitglieder und Freunde der Baltischen Historischen Kommission (BHK) sehr betroffen gemacht. Es dürfte kaum einen Esten aus der Generation der heute Fünfzigjährigen geben, der derartig viele Bekannte und Freunde in Deutschland gerade auch unter Deutschbalten hatte. Dabei mußten wir mit ihm noch Englisch sprechen, als wir - Dr. Wilhelm Lenz und Dr. Gert von Pistohlkors - ihn 1985 auf einer Reise von Tallinn/Reval nach Riga zusammen mit seinem Freund Indrek Jürjo kennenlernten. Dieser vielseitige, überaus temperamentvolle und kenntnisreiche Historiker Rein Helme hatte zur Sowjetzeit in Dorpat den Spitznamen "der Graf", weil er vielleicht wirklich wie ein französischer Graf aussah, auf hervorragende Manieren großen Wert legte und so absolut nicht in die sowjetische Wirklichkeit zu passen schien. Immerhin hat er sich dank seiner Intelligenz nicht schlecht durchgesetzt, studierte in Tartu/Dorpat Geschichte, beendete das Studium mit dem Diplom, schließlich mit dem Kandidatenexamen, das in etwa unserem Doktorgrad entspricht. Seine Kandidatenarbeit wurde 1990 als Buch veröffentlicht und beschäftigt sich mit dem Kriegsjahr 1812 in Estland und Lettland. Ihr militärgeschichtlicher Schwerpunkt entspricht dem Thema des Napoleonischen Krieges gegen Rußland, doch wäre es falsch, Helme in erster Linie auf militärhistorische Interessen festzulegen, auch wenn er sicher fast jeden militärischen Orden der Welt richtig einzuordnen verstand. Helme konnte sehr temperamentvoll in vier Sprachen argumentieren. Wir haben ihn in Riga 1988 erlebt, als ein traditionell gebildeter Sowjethistoriker namens Ivanov es wagte, Molotovs These von der "inneren Aggression" der baltischen Staaten im Jahr 1939 fünfzig Jahre später nochmals als Wahrheit auszugeben. Helme meldete sich als erster und zwang selbst Angehörige der älteren lettischen Historikergeneration in Riga, vorsichtig den Abstand zum Verkünder einer abgestandenen These zu suchen, so daß Herr Ivanov schließlich sehr im Regen stand.

1989-1992 war Helme Direktor des Historischen Instituts der Akademie der Wissenschaften in Tallinn/Reval. Von 1992 bis 1995 war er Mitglied des Riigikogu, des Reichstages, und Vorsitzender des Verteidigungsausschusses. Schließlich war Hauptmann Helme nach 1995 Professor für Militärgeschichte an der Akademie für Landesverteidigung, Geschichtsprofessor am Estnischen Institut für Humanwissenschaften und Berater des Befehlshabers der estnischen Streitkräfte und in den letzten Jahren zuständig für Ausbildungsfragen in der Landesverteidigung. Er hat sich in militärischen Fragen auch sehr um internationale Zusammenarbeit bemüht und war ein eindringlicher Befürworter des estnischen Beitritts zur NATO und zur Europäischen Union.

Seine wissenschaftliche Produktion war vielseitig. Im Mittelpunkt standen die napoleonischen Kriege, wobei er stets die besondere Rolle deutschbaltischer Offiziere in der Russischen Armee hervorhob. Helme war auch Spezialist für den Estnischen Freiheitskrieg und besonders für die Schlacht bei Cesis/Wenden im Juni 1919, als die Baltische Landeswehr und die Eiserne Division von estnischen und auch von lettischen Verbänden vernichtend geschlagen wurden. Das hinderte ihn nicht, mit Nachdruck für die Wiedererrichtung des Baltenregimentsdenkmals auf dem Domberg einzutreten und diese gemeinsam mit anderen durchzusetzen.

Im Jahr 1996 wurde Rein Helme Korrespondierendes Mitglied der BHK. Helmes Vortrag auf dem Oldenburger Symposium von 1992 über "Die estnische Historiographie der 1930/40er Jahre" liegt in dem von Michael Garleff herausgegebenen Band "Zwischen Konfrontation und Kompromiss. Interethnische Beziehungen in Ostmitteleuropa als historiographisches Problem der 1930er/1940er Jahre" gedruckt vor. Vielleicht werden sich einige noch an seinen ersten Vortrag in Göttingen aus dem Jahr 1996 auf dem 49. BHK-Treffen erinnern: "Friedrich Wilhelm Graf von Buxhöwden (1750-1811) als Feldherr und Staatsmann".

Helme gehörte zu den Korrespondierenden Mitgliedern, die am häufigsten in Göttingen präsent waren und der in Tallinn/Reval ein besonders engagierter und zugewandter Gastgeber gewesen ist. Wir werden ihn schmerzlich vermissen.
Unsere Anteilnahme gehört vor allem seiner Familie.

 

Gert von Pistohlkors, Göttingen