Trude Maurer

* 17.7.1955, Mainz, 9.4.2017, Göttingen


Am 9. April 2017 ist Trude Maurer in ihrer Wohnung in Göttingen von der Polizei tot aufgefunden worden. Das genaue Todesdatum ist nicht bekannt. Sie war schwer erkältet von einer Tagung in Moskau über „Universitäten im Ersten Weltkrieg“ nach Göttingen zurückgekehrt, hatte Antibiotika nehmen müssen und ist dann nach ärztlichem Urteil wohl an Herzversagen gestorben. Ihr Tod im 62. Lebensjahr kam völlig unerwartet. Fünfzehn Freundinnen, Freunde  und Kollegen, darunter auch Mitglieder der Baltischen Historischen Kommission, vor allem aber Kolleginnen und ehemalige Kollegen aus dem Seminar für Mittlere und Neuere Geschichte der Georg-August-Universität Göttingen, Professoren aus Tübingen und aus dem „Verband der Osteuropahistorikerinnen und -historiker“ haben in einer Anzeige in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ ihrer großen Betroffenheit Ausdruck gegeben. Wenn ich unsere zuweilen lebhafte Korrespondenz und unsere fachlich geprägten Telefonate und wechselseitigen Besuche in Göttingen Revue passieren lasse, denke ich vor allem an die akribische Genauigkeit und Geduld, mit der sie ihre großen und auch ihre zahlreichen thematisch begrenzten Forschungsprojekte anging. Sie hatte Freude an geradezu detektivischen Recherchen und ließ nichts unversucht, um noch das letzte Detail aus den Informationen herauszupressen, die ihr zugänglich waren. Deshalb sind die Anmerkungen in ihren zahlreichen Monographien und Aufsätzen Fundgruben für weitere Forschungen, zu denen sie noch so viel hätte beitragen können.

Geboren im Juli 1955 in Mainz, studierte Trude Maurer Geschichte, Russisch und Politische Wissenschaften in Tübingen und am „Institute of Slavonic and East European Studies“ in London. Nach ihrem 1. Staatsexamen in Tübingen im Jahr 1980 fasste sie eine Hochschullehrerlaufbahn ins Auge und arbeitete sechs Jahre an ihrer Dissertation in Tübingen mit Forschungsaufenthalten in Israel über „Ostjuden in Deutschland 1918–1933“, gedruckt 1986 in Hamburg und ausgezeichnet mit dem Fritz-Theodor-Epstein-Preis des „Verbandes der Osteuropahistorikerinnen und -historiker“. Über Ostjuden und Juden im Deutschen Kaiserreich, in der Weimarer Republik und unter dem Nationalsozialismus hat sie aufbauend auf ihrer Dissertation fortlaufend auf Deutsch und Englisch publiziert und gilt als Expertin für begriffliche Differenzierungen – Ostjuden und Westjuden – und für deutsch-jüdische Beziehungen seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert.

Ihr akademischer Lehrer in Tübingen, Dietrich Geyer, empfahl sie als Hochschulassistentin für osteuropäische Geschichte nach Göttingen an den Lehrstuhl von Manfred Hildermeier. Nach 6 Jahren Assistentenzeit und einem zweijährigen Habilitationsstipendium der Deutschen Forschungsgemeinschaft legte Trude Maurer im Jahr 1995 ein fast tausend Seiten starkes Werk über „Hochschullehrer im Zarenreich“ vor, das als Pionierarbeit zu werten ist, weil sie in einer Kollektivbiographie für das 19. Jahrhundert und an der Wende zum 20. Jahrhundert dem Professorenstand in Rußland zwischen Staat, Gesellschaft und Wissenschaft auf der Basis differenzierter Archivstudien vornehmlich in St. Petersburg aus den Quellen feste Konturen im Hinblick auf Karriere, Selbstverständnis, Berufsethos und politische Einstellungen gegeben hat. Die Schlußzusammenfassung dieses hervorragend geschriebenen Werkes gibt einen überzeugenden Begriff von der Doppeldeutigkeit des russischen Begriffs "intelligencija". Einerseits war der russische Professor Staatsbeamter, andererseits gebot ihm die Berufsehre, Zivilcourage gegenüber der Unerschütterlichkeit staatlicher Bürokratie zu zeigen, und nicht Wenigen unter ihnen war es ein Bedürfnis, durch Rücktritt vom Amt Unabhängigkeit zu demonstrieren. Trude Maurer vermittelt ein überraschendes Bild von gediegener Bürgerlichkeit unter der russischen Professorenschaft an der Wende zum 20. Jahrhundert. So ist auch der Gesamteindruck von der Universität Jur’ev – nach der Umbenennung Dorpats und der Verwandlung der deutsch geprägten Universität in eine russische – durchaus positiver und achtungsgebietender als in der deutschbaltischen Literatur, die mehr von Abstieg und Verkommenheit zu berichten wusste.

Trude Maurer hat nach zahlreichen Vertretungen in Göttingen, Köln, Jena, an der Humboldt-Universität Berlin, Gießen, Erlangen in Frankfurt am Main auf Platz 1 für einen Lehrstuhl für Osteuropäische Geschichte gestanden,  doch kamen die Verhandlungen zum Stillstand, als das Land Hessen beschloss, die Lehrstühle für das Fach Osteuropäische Geschichte in Marburg und Frankfurt aufzugeben und das Fach auf Giessen zu konzentrieren. Sie wurde im Jahr 2000 in Göttingen zwar zur Außerplanmäßigen Professorin ernannt, musste ihren Lebensunterhalt aber mit Projekten verdienen, für die sie Geldgeber einwerben musste. Insgesamt ist sie in der Bewilligung und Finanzierung verschiedenster Projekte vornehmlich durch die Volkswagenstiftung, die Thyssenstiftung und die Deutsche Forschungsgemeinschaft ausgesprochen erfolgreich gewesen, aber selbstverständlich kostet ein solcher Kampf ums Überleben als Wissenschaftlerin viel Kraft. Aufbauend auf ihrer Habilitationsschrift verfasste Trude Mauerer ein umfassendes Werk in zwei Bänden unter dem Titel  „...und wir gehören auch dazu“. Universität und Volksgemeinschaft im Ersten Weltkrieg“ – 1214 Seiten – das 2015 bei Vandenhoeck & Ruprecht in Göttingen erschienen ist. Wie Manfed Hettling von der Universität Halle-Wittenberg in einer anerkennenden Rezension vermerkt, gelingt es Trude Maurer, weit über die bekannten publizistischen Aktivitäten zahlreicher Professoren an deutschen Universitäten während des Krieges hinaus zu kommen, indem sie einen gesellschaftsgeschichtlichen Ansatz wählt und durchhält, der lebensgeschichtlich die Situation von Professoren, Studierenden, vor allem auch weiblichen Studierenden, deren Arbeitsbedingungen sowie Veränderungen in Lehre und Forschung in den Mittelpunkt rückt. Drei Unversitäten – Berlin als Hauptstadtuniversität, Giessen als Provinzuniversität in Hessen-Darmstadt und die Reichsuniversität Straßburg als Grenzuniversität – bilden den empirischen Kern der Arbeit. Der fachspezifische Einsatz im jeweiligen Metier, die Mitarbeit im „Vaterländischen Hilfsdienst“, das Alltagsleben von Lehrenden und Studierenden im Krieg, die Perspektive von Wissenschaft im Krieg – das alles wird vergleichend erarbeitet. Ursprünglich wollte Trude Maurer auf einen Vergleich zwischen deutschen und russischen Universitäten im Ersten Weltkrieg  hinaus, doch nahm sie diese Zielsetzung einstweilen zurück. Die Bandbreite ihrer Ergebnisse, die sich nicht leicht systematisieren ließen, ist ohnehin sehr groß.

Neben diesen großen Forschungsvorhaben hat Trude Maurer mehr als 50 Aufsätze und mindestens ebenso viele Rezensionen publiziert. Wer sie in Diskussionen erlebte – manche von den Anwesenden zuletzt auf der großen Konferenz in Tartu/Dorpat im September 2016 über „Bildungsgeschichte(n) im Baltikum“ – wurde Zeuge ihrer scharfen analytischen Fähigkeiten und Nachfragen. Zuletzt fand sie Anerkennung und eine wissenschaftliche Heimat im Leibniz-Institut für Ost- und Südosteuropaforschung (IOS) in Regensburg. Dort war sie Mitarbeiterin – Research Fellow – und dort sind auch ihre verschiedenen Projekte angesiedelt, die sie nun nicht mehr vollenden kann. Zuletzt interessierte sie sich für weibliche Doktoranden aus Russland an deutschen Universitäten um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert, zumeist jüdische und deutschbaltische Medizinerinnen. Obgleich sie manchen Grund hatte, verbittert zu sein, hat sie den Lebensmut nicht sinken lassen und mit Leidenschaft, Ausdauer und täglich bewährter eiserner Disziplin sich sportlich fit gehalten und eine beispielhafte Lebensleistung als Forscherin hingelegt. Daneben fand sie noch Zeit, als Vorstandsmitglied im „Verband der Osteuropahistorikerinnen und -historiker“ mitzuarbeiten; sie war Vorstandsmitglied der „Wissenschaftlichen Arbeitsgemeinschaft des Leo-Baeck-Instituts in der Bundesrepublik Deutschland“ 1994 bis 2006, und seit 2005 Mitglied des Aufnahmeausschusses der „Studienstiftung des deutschen Volkes“ und Gutachterin in zahlreichen Stiftungen. Nicht zuletzt war sie ein engagiertes Mitglied der Baltischen Historischen Kommission, gerade auch in Fragen der baltischen Kultur- und Bildungsgeschichte. Es macht traurig, dass sie so unverhofft mitten aus dem Leben gerissen wurde.

 

Gert von Pistohlkors