W - Baltisches Rechtswörterbuch

Wacht- und Soldatengelder
1.In Reval verstand man im 18. Jahrhundert unter Wachtgeld eine Abgabe von Angehörigen der Undeutschen Ämter in Höhe von 2 Rubeln und 40 Kopeken jährlich (--> Undeutsche Ämter).
2. Das Soldatengeld wurde in Reval jährlich in Höhe von einem Rubel und 50 Kopeken von allen Besitzern von Holzhäusern erhoben.
Beide Abgaben waren an die --> Akzisekammer zu entrichten und dienten zur Besoldungung der --> Stadtkompagnie. Es handelte sich um eine Ersatzzahlung für den früher üblichen Wehrdienst der Undeutschen.
Elias 54.

Wachtkerl
Nachtwächter, in der Zeit der bäuerlichen Hörigkeit turnusmäßig von jedem --> Gesinde für die Güter gestellt zur Bewachung jeder --> Riege und --> Kleete. Manchmal stellten die Bauern eines Gutsgebiets einen gemeinsamen W., meist einen --> Lostreiber, wobei jedes Gesinde ein Külmet Getreide (ca. 110 l) als Lohn zu zahlen pflegte. Gelegentlich wurde auch für Sonntag/Montag, wenn keine Fronarbeiter auf dem Hof waren, ein Wachtkerl zur Bewachung des Viehs gestellt.
Soom 266 f.; Transehe, Gutsherr 121.

Wachtmeister --> Ministeriale

Wacke (lett.: vaka; estn.: vakk = Korb zum Einsammeln und Abliefern)
Territorialer Bezirk (lett. zum Teil mit der Gemeinde-Pagasta gleichgesetzt) zwecks Zusammenfassung der --> Gesinde zum Bewirken gemeinsamer Leistungen (--> Wechselgehorch). In älterer Zeit auch Ablieferungstermin für Naturalien und Geldsteuern der hörigen Bauern an den Gutsherrn (--> Perselen), ferner die geleisteten Abgaben und Zahlungen sowie der gleichzeitig abgehaltene Gerichtstermin.
Soom 9 f., 187 Anm. 22; Transehe, Gutsherr 13 Anm. 3; Hahn 10; Tobten, Agrargesetzgebung I 57 Anm. 2; Latv. Enc. 2549; Kiparsky 74; Arvi Korhonen: Vakkalaitos, Helsinki 1913.

Wackenbuch, Wackenregister
Verzeichnis der Fronarbeitspflichten und Abgaben der Bauerngesinde an ihre Grundherren (Urbar). Hieran waren sowohl die Bauern als auch der Grundherr gebunden. In der zweiten Hälfte des 18. Jhs. nahm allerdings unter russischem Einfluß die Abhängigkeit der Bauern zu, so daß die Normen der Wackenbücher vielfach nicht mehr beachtet wurden. In den 1760er Jahren traten jedoch bereits Bestrebungen hervor, die bäuerlichen Leistungen in neuen W. neu zu normieren. 1765 beschloß der livländische Landtag, die Rittergutsbesitzer zu einer Aufstellung der zur Zeit geltenden Dienste und Leistungen der Bauern zu veranlassen, die dann als verbindlich gelten sollte. Diese Verordnung wurde jedoch von den Gutsherren nur schleppend oder gar nicht befolgt, auch wurden die --> "Arbeitsregulative", wie die W. jetzt auch genannt wurden, nicht in den Niederlandgerichten zur öffentlichen Einsicht ausgelegt. Nach der Livl. BVO vom 20. März 1804, die dem Bauern ein unentziehbares, vererbbares öffentlich-rechtliches Nutzungsrecht an der von ihm bearbeiteten Scholle gab, mußten neue Wackenbücher aufgestellt werden, wobei die außerordentlichen Dienste in Fortfall kamen. Mit der persönlichen Befreiung der Bauern durch die BVO von 1819 wurden die Wackenbücher als verbindliches Arbeitsregulativ hinfällig, da der Bauer jetzt Pächter des Hofes wurde (--> Fronpacht), wenn auch zunächst keine Geld-, sondern Arbeitspachtverträge abgeschlossen wurden, für welche die alten W.er als Grundlage dienten. Solche Verträge wurden allerdings ab 23. April 1865 vom livländischen Landtag verboten und nur noch solche über--> Geldpacht gestattet. In Kurland waren die W. in polnischer Zeit in Vergessenheit geraten und wurden nur noch auf den herzoglichen Domänen gebraucht. Nach der Kurl. BVO von 1817 wurde jedoch bestimmt, den --> Gehorch aufzuzeichnen, wie er zu Anfang 1819 bestanden hatte (Gehorchstabellen). In Estland war die Entwicklung im wesentlichen gleich der in Livland.
Stepermanis, Unruhen 91 ff., 110 Anm. 126, 128, 131 ff., 208; Transehe, Gutsherr 189 f.; Foelkersahm, Agrarreform 30; Tobien, Agrargesetzgebung I 57, 62, 212, ü 193, 205, 275, 417 ff.; Latv. Enc. 2550; Hahn 78; Creutzburg 11.

Wackengeld (lett.: vaku nauda)
Geldabgabe der zur --> Wacke gehörenden --> Gesinde. Im 18. Jh. wurden alle Naturalabgaben (--> Perselen) in Geld umgerechnet und als Wackengeld erlegt.
Transehe, Gutsherr 13, 35; Hahn 82; Soom 101, 180, 196.

Wackenland
Die gesamte Landfläche der eine --> Wacke bildenden --> Gesinde.

Wackenregister --> Wackenbuch

Wackenwirt
Bauernwirt (Hofbauer), dessen --> Gesinde zu einer --> Wacke gehörte.

Wadengeld --> Fischerbauer

Wagger (lett.: vagar(i)s, starasts)
Lettischer Gutsvogt, Aufseher der Hofesarbeit. In der Zeit der Unfreiheit Leiter der Fronknechte, später der freien Landarbeiter. --> Kubjas, --> Schildreiter, --> Starast.
Hahn 55; Transehe, Gutsherr 25 Anm. 2; Gutzeit II 109 (Kubjas); Kiparsky I 16; Latv. Enc. 2544.

Wahldienst
Dienst in Wahlämtern.
BPR I §§ 1282 ff.

Waim (estn.: waim)
Im estnischen Sprachgebiet ein fremder Hilfsarbeiter in der Landwirtschaft, der bei besonderem Bedarf neben dem regelmäßig den --> Gehorch erfüllenden Fronarbeiter herangezogen wurde. Er entsprach dem --> Oterneck oder --> Trechneck im lettischen Gebiet.
Gernet 37, 49; Soom 252; Kiparsky 75; Hupe l, Topogr. Nachr. I 64.

Waisen, nachgebliebene
Volkstümlicher Ausdruck für "hinterbliebene Waisen"; auch vom BPR I § 775 benutzt.

Waisenbuchhalter
Buchhalter am --> Waisengericht in Riga und Pernau. Seine Aufgabe war neben der Führung der Kassenbücher und Verwaltung des Rechnungswesens und der Registratur in Vormundschaftssachen in Riga auch die Versteigerung von Nachlässen und die Aufstellung der Nachlaßverteilungs-Rechnungen, in Pernau die Protokollführung.
BPR I §§ 559, 563, 731.

Waisendiener
Gerichtsdiener am Rigaer --> Waisengericht, stets Mitglied der Kleinen --> Gilde.
BPR I §§ 517, 559.

Waisengericht
Das Waisengericht war zugleich Vormundschaftsbehörde und -gericht, nahm also neben der vormundschaftsgerichtlichen Funktion auch im wesentlichen die Befugnisse eines Jugendamtes wahr. Entsprechend der ständischen Gliederung gab es verschiedene Zuständigkeiten: Für die dem Bauerrecht unterliegende Landbevölkerung fungierten das --> Gemeindegericht als Waisengericht. Die städtischen W.e bestanden bis 1889 als Untergerichte der Magistrate (BPR I §§ 558 ff; 730 ff; 1128 ff; 1464 ff; 1593 ff; Elias 15). Als adlige W. fungierten in Estland das --> Niederland- und Landwaisengericht (BPR I § 897), in Livland das --> Landgericht (auch als --> Landwaisengericht bezeichnet) (BPR I § 368), in Kurland das --> Oberhauptmannsgericht (BPR I § 1333). Mit der --> Justizreform 1889 wurde in jedem Kreis Livlands und Kurlands ein adliges W. errichtet, das aus Mitteln des Adels unterhalten wurde, während es in Estland bei einem adligen W. verblieb. Die kurländischen W.e wurden alsbald auf zwei zusammengelegt (Mitau und Goldingen). Die Mitglieder der städtischen W.e wurden nun von der Stadtverordnetenversammlung gewählt. Zuständig waren die W.e für Volljährigkeitserklärungen, Genehmigung des Verkaufs und der Belastung von Mündelvermögen, Pflegerbestellung für Entmündigte, Todeserklärungen, Vermögens- und Erbteilungen. In den baltischen Republiken behielten sie ihre Aufgaben, doch entfielen mit der Aufhebung der Stände die adligen W.e. Es gab nunmehr nur noch städtischen W.e für alle Stadtbewohner, während auf dem Lande jetzt die Gemeindegerichte für die gesamte Landbevölkerung zuständig waren.
BPR I § 1333 Nr. 1; G-N I 328, 331; Gbl. 1889 Nr. 123 Art. 1008; Kurl. LandtagsO 1897 § 69 Anm 3 c, 224 f.

Waisengerichtssekretär
Einer der beiden Sekretäre bei den Untergerichten in Reval; er tat am --> Kommerzgericht, --> Waisengericht und --> Stadtkonsistorium Dienst.
BPR I § 1090.

Waisenherr
Ratsherr als Beisitzer des Waisengerichts.
Ziegenhorn §§ 681, 686. Aktenstück Riga I 307, 316; BPR I § 730.

Waisenvater
Aufseher im Stadtwaisenhaus in Riga.
Aktenstücke Riga I 506.

Wallgeld
Direkte Steuer in Riga im 18. Jh., die zur Entlohnung der Stadtquartierdiener verwendet wurde. In Reval pauschale Zahlung der Stadt an die Ingenieurkanzlei der Garnison als Beitrag zur Unterhaltung der Befestigungswerke.
Aktenstücke Riga I 162, 313, Jensch 112; Elias 50.

Wardieren
Schätzen, taxieren. Wardierungsmänner = Taxatoren, Schätzer.
Schmidt, Civilpr. 205 ff.

Warenbegleitschein --> Jerlik

Waren des ersten Bedürfnisses
Lebensnotwendige Waren, insbesondere Grundnahrungsmittel. Führten Spekulationen damit zur Verknappung, so wurden die Rädelsführer mit dem Verlust einiger besonderer Rechte und --> Korrektionshaus bestraft.
StGB 1845 § 1615.

Wasserkapitän
Führte in Riga die Aufsicht über die Einhaltung der die Düna betreffenden Privilegien und Rechte betreffend den Handelsverkehr und den Pilotendienst).
Aktenstücke Riga I 82 ff.

Wasserkunst --> Kanalherrschaft

Waterschout
Handels- und Schiffahrtsbeamter, der bei den Verdingungsverträgen der Schiffsmannschaften mitwirkte.
Carlberg 82.

Wechselgehorch
Bäuerliche Leistung, die der Reihe nach von mehreren Bauernhöfe zu stellen war, --> Gehorch, --> Korde, --> Wacke.

Wedmer --> Freibauer

Wege(bau)kapital
Das russische Gesetz über das Wegebaukapital von 1895 wurde 1898 auf die baltischen Provinzen ausgedehnt. Durch Abführung einer bestimmten Summe aus den Landesprästanden (--> Prästanden) und Zuweisung von Staatsmitteln wurde ein Kapital gebildet zum Bau von Chausseen, Landstraßen, Brücken und Fähren sowie zu deren Unterhaltung. Die Aufstellung der Baupläne, des Etats und die Durchführung oblag der Selbstverwaltung der --> Ritterschaft, die Aufsicht einer besonderen Kommission der --> Gouvernementsregierung, die Bestätigung der Pläne auf drei Jahre den Ministerien der Finanzen und Justiz. In Lettland wurde 1929 ein Wegefonds (cela fonds) mit der gleichen Aufgabe gebildet.
Gernet, 72, 387, 395; Latv.Enc. 381.

Wegebaulast
Abgaben zum Bau und zur Instandhaltung der Poststraßen, --> Kommunikationswege und -->Kirchenwege. Sie lag vor allem beim Kirchspiel, --> Kirchspielswegekommission, --> Kreiswegekommission, --> Kontingent, --> Revisionswege
Gernet 396; Tobien, Ritterschaft 195 ff.

Wegefonds --> Wege(bau)kapital

Wehrpflicht--> Gouvernements-Militärchef, -->Losung

Weidegerechtigkeit --> Mithut, --> Nachweide

Weideherr
Der in Werro dem Weidewesen vorstehende Ratsherr, zugleich --> Bauherr.
BPR I §819.

Weidekollegium
Bestand in Riga aus vier Gliedern der Großen und der Kleinen --> Gilde.
Eckardt 38.

Weidekommission
Bestand in Fellin aus einem Ratsherrn und zwei Beisitzern.
BPR I §831.

Weilsrenten
Verzugszinsen. Sie betrugen in Livland 5 %, in Est- und Kurland 6 %, die Protestzinsen waren allerdings einheitlich ab 1889 6 %, weshalb in der Praxis nur mit diesen gerechnet wurde. Das LZ hat dementsprechend ebenfalls 6 % festgesetzt.
BPR III Art. 3416, 3426; LZ § 1765.

Weinherrschaft --> Oberweinherrschaft

Werkmeister, Stadtwerkmeister
--> Offiziant der Stadt Riga zur Aufsicht über die öffentlichen Bauten.
Aktenstücke Riga I 506.

Werkstühle --> Manufaktur

Werstfrist
Eine den weiten Entfernungen in Rußland Rechnung tragende gesetzliche Verlängerung der Ladungsfrist, entsprechend der Entfernung des Wohnorts des Geladenen vom Gerichtssitz. Sie betrug einen Tag pro 50 Werst (l Werst = 1066,8 m) "auf gewöhnlichen Straßen", sowie einen Tag pro 300 Werst bei möglicher Eisenbahnbenutzung.
ZPO 1864 §300.

Werstgeld --> Meilengelder

Wertbogen --> Krepoststempelpapier

Wertlegung
Schätzung. In Estland: gelegter Wert = geschätzter Wert.
BPR III Art. 2702 Anm. 2709, 2713.

Wette
Vor die Wette ziehen, gleichbedeutend mit beim --> Wettgericht verklagen.
BPR I § 1150.

Wettgericht
Städtisches Untergericht als Handels- und Gewerbegericht. Da seiner Gerichtsbarkeit auch die "Mäkler, Wäger, Wraker (--> Braker), --> Ligger, Messer. (--> Messeramt) und andere Handelsoffizianten" unterlagen, kann es auch als Marktgericht bezeichnet werden. Es war zuständig für die Entscheidung von Streitigkeiten aus Warenkauf und -tausch. Als Verwaltungsbehörde übte es die Handelspolizei aus, beaufsichtigte das Gewerbe der Fremden und Nichtbürger, achtete auf die Einhaltung der Lebensmittel- und anderer Taxen, erhob Abgaben von durchreisenden Schaustellern und Händlern, schrieb die Handelslehrlinge ein und erteilte ihnen Zeugnisse über die Dauer der Lehrzeit. Wo kein besonderes Wettgericht bestand, wurden dessen Aufgaben vom --> Vogteigericht wahrgenommen. Waren überhaupt keine Untergerichte vorhanden (Werro), wurde ein Ratsherr als --> Wettherr bestellt.
BPR I §§ 564 ff, 1148 ff, 1469 f.; Aktenstücke Riga I 307; Campenhausen 80.

Wettherr
1. Ratsherr als Mitglied des --> Wettgerichts in Riga, Reval und Kurland.
BPR I §§ 564, 1148; Ziegenhorn §§ 681, 686; Campenhausen 80.
2. Der die Geschäfte des Wettgerichts besorgende Ratsherr in Werro.
BPR I §819.

Wettpräses
Vorsitzender beim --> Wettgericht in Mitau.
BPR I § 1469 Nr. l.

Wettrichter
Vorsitzender beim --> Wettgericht in Goldingen.
BPR I § 1469 Nr. 4.

Wettsacken (lett.: vecakais)
Älterleute (--> Ältermann) der Undeutschen Ämter in Riga: --> Ligger, --> Messeramt, Hanfschwinger, Wein- und Bierträger, Fuhrleute, --> Übersetzer, --> Ankerneeken, Masten- und Holzwraker, Fischer, Piloten, Hanfbinder, Musikanten. --> Undeutsche Ämter.
Blumenbach 38.

Widergesetzliche Handlung --> Handlung, widergesetzliche

Widerklage --> Rekonvention

Widme
Pfarrgut zum Unterhalt des Predigers.
BPR III Art. 597, 608 f.; Tobien, Agrargesetzgebung I 21 f., II 315; Ki.G. 1832 (Freymann) § 712 Anm. l; Balt. Ki. Gesch. 82 f., 89, 114.

Wiedereinsetzung in den vorigen Stand
Der livländische Prozeß bot nicht die Möglichkeit, eine versäumte Prozeßhandlung nachzuholen, sondern lediglich die Wiederaufnahme eines abgeschlossenen Verfahrens aufgrund kaiserlichen Gnadenerlasses. Die Wiederaufnahmevoraussetzungen entsprachen den andernorts üblichen: falsche Urkunden, falsche Zeugen, neu aufgefundene Beweismittel, Rechtsbeugung, strafbare Handlungen anderer Art. Die Restitution im üblichen Sinne hieß "Zurückgewinnung des Aberkannten". -->Wiederherstellung

Samson §§ 820 ff.; Schmidt, Civilpr. 194.

Wiederherstellung
1. von Fristen: Wiedereinsetzung in den vorigen. Stand nach Fristversäumnis.
ZPO 1864 §§832 ff.
2. des Verfahrens: Wiederaufnahme des Verfahrens nach Einstellung.
GGO St § 32.

Willigung, Bewilligung
Vom --> Hofesland der Rittergüter (in Estland von sämtlichen Grundbesitzern) zu entrichtende Grundsteuer, die auf den Landtagen festgesetzt wurde. Sie gelangte in die Ritterschaftskasse (--> Landlast, --> Ritterkasse) und diente der Bestreitung der Ausgaben der Ritterschaft sowie gemeinnützigen Zwecken. Von der Zahlungspflicht ausgenommen waren Domänen und Kirchengüter, in Estland die Revaler Stadtgüter (--> Stadtgut), das Hospitalgut der Domkirche sowie alle gemeinnützigen und wohltätigen Zwecken dienenden Liegenschaften. In Kurland wurden auch die --> Rentenirer zu den W.en herangezogen.
BPR II §§ 32 Nr. 4, 84, 274 290; Kurl. LandtagsO 1897 §§ 30, 33, 167; Tobien, Ritterschaft II 8ff.; Tobien, Agrargesetzgebung I 93; Gernet 390; Balt. Bürgerkunde 168.

Willigungskapital --> Rentenirsumme

Wirt
Hofbauer, Bauernwirt (--> Gesindewirt); erweitert auf jeden an verantwortlicher Stelle Stehenden und Bestimmenden, zum Beispiel Hauswirt. Ist hingegen vom "guten Wirt" die Rede (zum Beispiel HandelsPO § 552 hinsichtlich der Pflichten des Konkursverwalters, in lettischen Quellen auch vom "sorgsamen Wirt" (gadigs saimnieks) (LZ § 1347 betreffend den Faustpfandgläubiger; der entsprechende Art. 1478 des BPR III spricht hier vom "fleißigen Hausvater"), so wäre an den bonus pater familias des römischen Rechts, den sorgsamen Hausvater, zu denken.

Witwe, Witwer --> Trauerjahr

Witwenhaken --> Predigerwitwenhaken

Witwenjahr --> Gnadenjahr, -->Nachjahr

Woche
Gewohnheitsrechtlich acht Tage, "von einem Wochentage bis zum entsprechenden gleichnamigen Tage der nächstfolgenden gerechnet".
BPR III Art. 3050.

Wohlerworbenes Vermögen, wohlgewonnenes Vermögen
Es wurde negativ umschrieben: "Alles, was nicht Erbgut ist." Der Ausdruck geht auf das Mittlere Ritterrecht zurück (Art. 43: gewunnen gut). Erbgut waren durch gesetzliche Erbfolge erlangte Grundstücke, und zwar in Livland und Narva nur von Blutsverwandten, in den livländischen Städten zum Teil auch durch Ehegattenerbrecht. In Estland wurden auch Kapitalien einbezogen, ferner der Brautschatz (--> Ehegeld). In den estländischen Städten ging man noch weiter und rechnete neben dem Brautschatz alles Ererbte zum Erbgut. Während das Erbgut – mit Ausnahme von Kurland, wo seine rechtliche Sonderbehandlung allmählich außer Gebrauch gekommen war – verschiedenen Veräußerungsverboten und -Beschränkungen unterlag, konnte über wohlerworbene Vermögen frei verfügt werden. In Lettland wurde die Unterscheidung von Erbgut und w. V. 1925 aufgehoben.
BPR III Art. 965, 967 f., 971, 975 ff.; Lettl. Gbll 1515 Nr. 187; Bunge, Kurl. PR § 109 n.b.

Wohlfahrtsregeln
Die sogenannten W. vom 11. Juni 1866 behandelten die Verwaltung der Getreidevorratsmagazine, die Verwaltung der Gemeindekassen, die Pflege der Armen und Kranken einer Gemeinde und die Abarbeitung von Rückständen an die Gemeinde. Sie ergänzten die --> Landgemeindeordnung 1866.
Gernet 291.

"Wohlgeboren"
Titel der kurländischen Ritterschaft als Korporation ("Eine Wohlgeborene Ritter- und Landschaft") wie auch jedes einzelnen ihrer Mitglieder (der "Wohlgeborene Herr N.N.") gemäß Landtagsbeschluß vom 13. Juni 1684 § 12. Bis dahin stand den Adligen der Titel --> "Edel" zu, der dann aber auch für bürgerliche Offiziere und Juristen in Gebrauch gekommen war. Seit dem 19. Jh. wurde statt "W." der Titel "Hochwohlgeboren" gebraucht.
FR 1617 § 38; Rummel 268 § 12, 310 § 24, 646 § 56; Ziegenhorn § 571.

Wohlgewonnenes Vermögen --> wohlerworbenes Vermögen

Wohnriege --> Riege

Wohnsitz
1. freiwilliger,
2. notwendiger, – je nachdem man seinen ständigen Aufenthalt an einem Ort nach eigenem Gutdünken wählt oder nach gesetzlicher Vorschrift hat.
Schmidt, Civilpr. 15.

Wortführer --> Gilde, --> Dockmann, --> Jüngste

Wra(c)ke --> Bracke

Wra(c)ker --> Braker

Würdigungseid
Schätzungseid. Konnte der Wert eines Schadens nicht anders ermittelt werden, so war der Verletzte berechtigt, den Betrag selbst zu schätzen und sich zur Beeidigung der Schätzung zu erbieten. Die Justizreform von 1889 schaffte den Schätzungseid ab.
BPR III Art. 3456 f.